Flugbericht 3: Traum erflogen

Traum erflogen
Von Helmut Wilms

Freitagabend, 31.05.2002
Laut Segelflugwetterbericht wird die Thermik am Samstagnachmittag in Hörpel besser als in Neustadt Glewe. Ich telefoniere mit meinen Eltern, die sich angeboten haben am Wochenende mit zum Fliegen zu kommen und den Babysitter für Marius zu spielen. Dörthe hat mal wieder Nachtdienst.

Da Hörpel nicht so weit weg ist brauchen meine Eltern erst gegen 10 Uhr bei mir sein.

01.06.2002
Leider liest niemand anderes den Segelflugwetterbericht und will in Hörpel fliegen. Ich bin der einzige der sich für Hörpel anmeldet hat. Also umdisponieren, morgens um 8:45 Uhr !! Wir kommen dann ( leider ) erst um kurz vor 11 Uhr weg und sind um 12.45 Uhr in N.G. Da erst der Wohnwagen für meine Eltern hergerichtet werden muß und ich das Essen meiner Mutter nicht ausschlagen will, geht der Aufbau erst gegen 2 Uhr los. Da wir noch recht starken Wind aus NW haben müßte es heute an der Winde gut gehen. Die Lust der Piloten am Start ist nicht sehr groß ( außer Theo ). Axel verbiegt sich zu allem Überfluß auch noch ein Trapezrohr bei der Landung.
Start um 15 Uhr und nach einem super Schlepp ( danke Bernd ) klinke ich in 530 m Höhe aus. In 300 m Thermikeinstieg in sehr enge und ruppige Thermik. Aber es geht mit meinem Ghostbuster, gefolgt von Sebastian, rauf zur Basis auf 1500m.

Wie gesagt: Onlinecontest bedeutet GPS einschalten. Track Log löschen und los!

Es geht in Richtung Berlin. Am Anfang verhaltenes Tempo, um gemeinsam mit Sebastian zu fliegen. Leider haben wir keinen Funkkontakt. Vor Pritzwalk habe ich aber trotzdem einen Vorsprung und deutlich mehr Höhe. Außerdem biegt Sebastian in Richtung Norden ab. Allein geht es weiter. Es läuft ausgezeichnet. Ich stelle mitten im Flug meinen Track Log Intervall von 30 Sec. auf 1 Minute, um genug Aufzeichnungszeit für zwei Tage zu haben. Ich kann meinen Track Log z.Z. leider nur zu Hause am PC auslesen und speichern. Hoffentlich geht das Umstellen gut ?!
Es ist immer besonders schön einen früheren Landeplatz mit guter Höhe zu passieren. Es ist der Landeplatz von Olaf, Norbert und mir, auf dem wir mal gleichzeitig, nach einem gemeinsamen Streckenflug, gelandet sind. An Kyritz vorbei, wende ich mit Berlin im Blick und 100 km auf dem GPS. Um 18:15 lande ich direkt an der Autobahnabfahrt Neuruppin und werde gleich von einer netten Familie zum Grillen eingeladen.
Super, mein erster 100 km Flug von N.G. Und das, obwohl ich morgens um 11 Uhr noch zu Haus war !!
Phantastisch !!!
Das Rückholen durch Beate und Sebastian funktioniert traumhaft schnell. Wir sind schon um 20.45 Uhr wieder in N.G. Ich erfahre das Frank Dettmer mich heute „ geschlagen“ hat . 135 km von Neumünster mit Landung aus 1000 m Höhe in N.G. Super Frank !! Zusammen sind wir 245 km geflogen !!
Mich haben leider die Berliner Sperrgebiete aufgehalten. 150 km oder Landung in Tempelhof wären durchaus drin gewesen.

02.06.2002
Mein Sohn Marius wünscht mir gleich nach dem Aufwachen Glück und gute Thermik. mStart um 11:50 Uhr bei NNO per UL Schlepp, kurz vor dem Mittagsflugverbot für Motormaschinen. Danke für Deinen Einsatz Norbert !! Gerd hat seinen Dienst leider versäumt, aber die „ Strafe“ auch gleich gekriegt.

Es soll ein 150 km FAI Dreieck über Dannenberg und Perleberg werden. Die Basis ist anfangs nur auf 1350 m. Hinter Ludwigslust suche ich verzweifelt Thermik. Ich sinke immer tiefer. Gurtzeug auf und vom schönen Flugtag schon mal verabschieden. Dann ist wenigstens das Rückholen für meinen Vater nicht so weit. O.K. die Baumreihe könnte vielleicht noch was bringen aber es ist schattig.

Ich glaube es nicht !! In 160 m fängt das Vario zaghaft an zu piepsen ! Ich kann tatsächlich einen schwachen Bart zentrieren. Das Steigen wird immer besser und in 700-800 m Höhe traue ich mich, das Gurtzeug wieder zu schließen. Puh, das war denkbar knapp !! Mein Ghostbuster geht schon sehr sehr gut. Ich glaube mit meinem Turmdrachen hätte ich gestanden.
Warum nur fliegt keiner mit unserem Vereinseigenen Exxtacy ?? Es macht wahnsinnig Spaß mit einem Starren auf Strecke zu gehen !
Nach 15 min zeigt der Höhenmesser wieder 1450 m. Ab jetzt läuft es immer besser. Über die Elbe geht es auf Dannenberg zu. Hinter der Stadt geht es wieder zur Basis und eine Entscheidung muß getroffen werden. Weiterfliegen oder doch das Dreieck probieren ?
Auf Grund des Gegenwindes, in Verbindung mit der nicht gerade berauschenden Basishöhe und um nicht parallel zur Elbe mit ihren Feuchtgebieten zu fliegen, geht es weiter ! Da meine Eltern sich in N.G. um alles kümmern habe ich den Rücken total frei.

1000 Dank dafür !!

Um nicht in die ED-R´s von Faßberg zu geraten ( ist sehr teuer wenn man da landet oder Christoph ? ) programmiere ich Hörpel als Ziel. Es läuft immer besser. Im Delphinstil über Bad Bevensen ( sieht aus der Luft toll aus ). Ich muß beim Überflug des Elbe-Seitenkanals an Ulf denken, der hier einmal verzweifelt eine bestimmte Brücke gesucht hat. Fast 2 Std. bleibt der Höhenmesser immer über 1000 m, meistens über 1200 m. Ich erreiche Evendorf mit Basishöhe und sehe in Hörpel keinen Betrieb. Wie klein unser Schleppgelände von hier oben aussieht.
Dann kommt mir ein Gedanke. Eine Landung bei mir zu Hause ! Der Wind hat mehr auf Ost gedreht. Ich fliege mit Seitenwind auf Buchholz zu. Die Thermik versetzt mich genau über den Brunsberg. Etwas später sehe ich aus 1200 m den Segelfliegern in Wenzendorf zu. Die Höhe müßte reichen um übers eigene Haus zu kreisen und in der Nähe zu landen. Dieser Gedanke fesselt mich !! Dörthe würde Augen machen.

Mein Vario zeigt aber jetzt starkes Sinken mit –2 bis –3 m/s. Die Höhe geht viel zu schnell weg. Eine Landung bei Elstorf ist ja auch nicht schlecht, so dicht zu Hause. In 400 m zeigt das Vario wieder steigen. Das nehme ich auf jeden Fall mit und kann dann immer noch entscheiden, was ich mache. Meine Eltern fallen mir ein. Ich fummel das Handy aus der Gurtzeugtasche und versuche Ihnen mitzuteilen, das Sie die Zelte in N.G. abbrechen und mit Marius nach Hause fahren können. Ohne Empfang und mit Angst, das mir das Handy wegfällt, gebe ich auf und packe das Handy wieder ein. Dieser Flug sollte nach 5 Std. noch weiter gehen. Obwohl es im Westen sehr cirrig ist und keine Cumuli mehr zu sehen sind, beschließe ich weiterzufliegen. Eine Weile genieße ich die sehr gute Sicht auf Hamburg und die Elbe.

Harsefeld ist zu schaffen !! Da wohnt Matthias unser Windenspartenleiter. Über seinem Haus zeigt der Höhen-messer 1200 m. O.K. dann eben auch noch nach Bargstedt zu meinen Schwiegereltern. Aus 1000 m schreie ich mir über Ihrem Haus die Seele aus dem Leib. Sie hören mich aber nicht. Mensch, mit dieser Höhe müßte es doch eigentlich bis nach Hesedorf, meinem Geburtsort, reichen. In 650 m Höhe kreist links von meinem Kurs ein Greifvogel in der Thermik. Nichts wie hin und mit ruhigen 2 m/s auf 1600 m aufgedreht. Ich schaffe nicht nur Hesedorf mit den Häusern meiner beiden Onkel und Tanten, sondern auch noch Bremervörde. Was meine Eltern wohl sagen, wenn sie erfahren das ihr Sohn bis zu Ihnen nach Hause geflogen ist. Sie fallen bestimmt rückwärts um ! 

Mein Flug ist immer noch nicht zu Ende !

Hinter Bremervörde geht es noch mal auf 1100 m rauf. Die Aufzeichnungszeit meines Garmin 45 macht mir sorgen. Es wird langsam knapp mit den Track Log Punkten.
Die Aussicht ist ein Genuß !! Der Jadebusen glänzt silberfarben im Gegenlicht. Die Wesermündung und Bremerhaven sind zu sehen. Ich muß an Claus Gerhards Zielrekord mit Landung auf dem Bremerhavener Flugplatz denken. Um 18:10 Uhr reicht die zerrissene Thermik über Whedel nicht mehr zum hochkommen.

Überglücklich und etwas kaputt lande ich um 18:15 hinter Whedel, 15 km vor Bremerhaven. Handy raus und meinen Eltern Bescheid geben. Sie fallen tatsächlich rückwärts um  als sie erfahren wo ich stehe.

Was für ein Wochenende, was für Eindrücke !!!!
Die Auslesung des Track Log ergibt 110 km am 01.06. und 215,4 km am 02.06. Gesamtflugzeit 9 Std. 45 Min.
Ich habe meinen langgehegten Traum erflogen !!!!! Einen 200 er vom eigenen Gelände nach UL Schlepp.
Mehr oder weniger geduldig habe ich seit meinem 177 km Flug am 08.04.1990 darauf gewartet.

Many happy landings

Helmut

PS:  Ich habe das Gefühl, dass ich diesen Flug machen sollte !